25.11.2019 von Symposium Feines Essen + Trinken in Shopper-Trends

Auf dem Weg – Umstrukturierung eines Großkonzerns in Richtung Nachhaltigkeit

Im Rahmen des Take-off Nachwuchskongresses im September 2019 erklärte Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo, die nötigen Prozesse auf dem Weg zu einem nachhaltigen Unternehmen. Der Großkonzern übernimmt Schritt für Schritt mehr Verantwortung für nachhaltige Produkte und faire Lieferketten. Nanda Bergstein ist eine Expertin für das Thema Corporate Responsibility. Sie arbeitet seit 2007 bei Tchibo – zuerst im Bereich Unternehmensverantwortung und dann im Geschäftsbereich Non Food, wo sie mit ihrem Team ein Nachhaltigkeitsmanagement aufbaute. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) entwickelte sie das WE-Programm (Worldwide Enhancement of Social Quality) zur Verbesserung der Arbeitsstandards in den Lieferanten-Fabriken, die für Tchibo produzieren.

„Es gibt Themen, die man als Einzelunternehmen nicht alleine lösen kann. Deswegen haben wir schon relativ früh begonnen, uns in Sektoransätzen zu engagieren. Zur Lösung der globalen Probleme benötigen wir immer mehr solcher systemischen Ansätze. Die Botschaft, die ich allen heute mitgeben möchte: Wenn man sich zusammenschließt, kann man auch wirklich etwas bewegen.“
Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo

Aktiv engagierte sie sich für das Brandschutzabkommen in Bangladesch und die globale Initiative ACT on Living Wages für existenzsichernde Löhne. 2018 übernahm sie die Leitung des Corporate-Responsibility-Bereichs der Tchibo GmbH. Zu Beginn ihres Vortrags stellte Bergsteindie Nachhaltigkeitsmaßnahmen bezüglich der Produkte im Bereich Non Food vor: Mittlerweile ist Tchibo der drittgrößte Anbieter von Bio-Baumwollprodukten weltweit. Das gesamte Premium- und Upper-Mainstream-Sortiment ist nachhaltig zertifiziert. Rund 90 Prozent aller Textilien bestehen aus nachhaltiger Bio-Baumwolle. Bis 2021 sollen es 100 Prozent werden.

„Angesichts der Berge von Plastikmüll bleibt die große strategische Frage, mit der wir uns alle befassen müssen: Wie schafft man es, aus Müll wieder neue Ressourcen zu gewinnen – auch vor dem Hintergrund, dass sich unsere Rohstoffe immer weiter reduzieren?“
Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo

Das Unternehmen hat allein 2018 dreieinhalb Millionen PET-Flaschen für seine Textilprodukte recycelt. Zusätzlich sind fast 80 Prozent der von Tchibo eingesetzten Zellulosefasern aus Tencel. Die Faser stellt eine ökologisch sinnvolle Alternative zu anderen Chemiefasern und auch zu Baumwolle dar. Doch Bergstein will sich mit der Umstellung auf nachhaltige, nachwachsende Rohstoffe nicht zufriedengeben.

„Wir müssen Lösungen finden, wie wir Produkte im Kreislauf fördern. Wir werden unsere Ressourcen anders nutzen müssen und deswegen haben wir begonnen, letztes Jahr ein sogenanntes Sharing-Economy-Modell zu testen.“
Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo

Tchibo Share heißt die neue Plattform, die Kunden die Möglichkeit bietet, Kinder- und Damenbekleidung zu mieten und wieder zurückzugeben. Die Produkte können so länger nachhaltig genutzt werden. Der Sharing-Economy-Markt ist noch am Anfang, aber der Referentin zufolge können solche Kreislauf-Modelle in einigen Jahren auch im Mainstream-Bereich ein relevantes Geschäftsfeld werden. Im Anschluss wandte sich Bergstein dem Bereich Lieferketten zu und erklärte die Vorgehensweise bei Tchibo. Bevor mit einer Fabrik kooperiert wird, wird sie sozial auditiert, um sicherzugehen, dass die Arbeitsbedingungen nicht gegen Umweltauflagen- und Menschenrechte verstoßen. Bergstein berichtete, dass diese Kontrollen leider nicht ausreichten, deswegen habe Tchibo vor zwölf Jahren zusammen mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) und cofinanziert durch das Bundesentwicklungsministerium das Dialogprogramm WE aufgebaut. Die Abkürzung WE steht für Worldwide Enhancement of Social Quality und ist ein partizipatives und interaktives Programm, speziell entwickelt, um gerechte und faire Arbeitsstandards in Lieferanten-Fabriken zu etablieren. Beschäftigte und Management werden in Dialog gebracht und dazu ermutigt, die Herausforderungen in der Fabrik anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dies betrifft Löhne, Arbeitszeiten, aber auch Missstände wie sexuelle Belästigung und Diskriminierung. In dem Lieferanten-Qualifizierungsprogramm wird dieser Prozess mindestens zwei Jahre lang gemeinsam begleitet und von externen Moderatoren begleitet. Mittlerweile stammen im Non-Food-Bereich drei Viertel aller Produkte aus Fabriken, die am WE-Programm teilnehmen. Im Segment Kaffee ist ein ähnliches Programm angelaufen, das bereits zehn Prozent aller Kleinbauern erreicht.

„Durch den Einsturz des Rana Plaza wurde uns schmerzhaft vor Augen geführt, dass wir mehr tun müssen als bisher, selbst wenn Tchibo nicht von dem Unglück betroffen war. Und das geht immer nur im Miteinander – das gilt für die Beziehung mit unseren Partnern und Lieferanten ebenso wie für die Zusammenarbeit im Tchibo-Team oder mit unseren Stakeholdern.“
Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo

ACT on Living Wages ist die zweite große Initiative, in der sich Tchibo engagiert. Kaum ein Beschäftigter der weltweiten Textilfabriken erhält einen existenzsichernden Lohn. Das sei ein Thema, das man als einzelnes Unternehmen kaum lösen könne, erklärte Bergstein. Zum einen sei Tchibo selten der einzige Einkäufer einer Fabrik. Zum anderen seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in diesen Ländern häufig so, dass ein enormer Druck herrsche, die Löhne möglichst gering zu halten. Wenn ein Unternehmen versuche, auf eigene Initiative die Löhne in einer Fabrik zu erhöhen, kämen die anderen Fabriken unter Zugzwang. Die Folge sei sehr viel Gegendruck, die Löhne einheitlich gering zu halten. Um das zu ändern, hat Tchibo gemeinsam mit 20 anderen Modemarken eine Initiative gegründet, die ACT on Living Wages heißt und einen systemischen Ansatz verfolgt. In den Produktionsländern wird Lobbyarbeit für Tarifverhandlungen gemacht, um gerechte Löhne auszuhandeln. Ein solcher Ansatz sorgt dafür, dass die Löhne in einem Land grundsätzlich angehoben werden und alle Arbeitgeber höhere Löhne bezahlen müssen. Im Gegenzug verpflichten sich die teilnehmenden Unternehmen, in dem Land weiter herstellen zu lassen, wenn die Tarifverhandlungen stattgefunden haben.

„Das wird ein ganz langer Weg sein, aber das Lohnthema müssen wir lösen. Gute Arbeitsplätze und gute Löhne in den einzelnen Ländern werden auch zu einer Stabilisierung insgesamt führen. Wir müssen Programme aufbauen, die die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Allein von Deutschland aus Standards zu diktieren, wird nicht funktionieren. Um etwas zu bewegen, müssen wir den Dialog in den Mittelpunkt stellen. Deswegen investieren wir so viel, um in den Fabriken Kommunikationsprozesse zu etablieren. Kontrolle allein reicht nicht aus und verändert nicht genügend.“
Nanda Bergstein, Director Corporate Responsibility bei Tchibo

Keywords in diesem Beitrag:
  • Bangladesh Accord
  • CSR
  • Faire Arbeitsstandards
  • Living Wages
  • Nachhaltigkeit
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